Der Garten des 21. Jahrhunderts soll verwildert sein
Von Michael Fabricius
Vor Jahren noch drängte der britische Designer, Möbelproduzent und oberste Hobbygärtner – Sir Terence Conran – alle zu strengem Formalismus. Sein Buch “Der neue Garten” (2008) (hier) zeigte scharf abgegrenzte Räume, Pflanzen wie Mauern und Rasenskulpturen, aus denen kein Halm höher als fünf Millimeter herausragen durfte. Heute aber besinnen sich Conran und sein Kompagnon Diarmuid Gavin auf das Natürliche in der Natur. Struktur soll sein, aber im Mittelpunkt stehe die Pflanze, die sich rundherum wohlfühlen soll, am besten umschwärmt von Insekten oder besiedelt von Singvögeln. Conran ist unter die Naturschützer gegangen.
Conrans Gartentipps für das 21. Jahrhundert

Wenn es nach dem britischen Designer Sir Terence Conran geht, ist in der Gartengestaltung des 21. Jahrhunderts vor allem Fantasie gefragt – geordnet sollte sie aber schon sein, auch wenn das Ergebnis wie Zufall aussieht.
Sein Werk “Das neue Gärtnern” (hier) zeigt Beispiele aus England – dem Land, in dem nicht zufällig der Rasenmäher erfunden wurde, mit dem man den Rasen gestalten kann. Wer sich aber von den präsentierten Arrangements nicht blenden lässt, findet wertvolle Anleitungen, die vor den größten Fehlern in der Gartenplanung schützen.
Zum Beispiel sollte man nicht ins Gartencenter fahren und dort einfach Pflanzen kaufen. Dies geschieht dort meist aus dem Bauch heraus und sorgt leicht für Chaos. Zu viele Farben im Blumenbeet, zu viele Gewächse, die gleichzeitig blühen, um im Frühjahr oder Herbst eintönig dazustehen – das ist die Gefahr, vor der Conran intensiv warnt. Zwei bis drei Farben in einem Beet seien genug. Und wer aus einer Laune heraus irgendwo ein Rosentor platziert, verbaut sich damit unter Umständen wertvolle Fläche und Blickachsen.
Nicht der Mensch, sondern Flora und Fauna stehen im Mittelpunkt
Conran und Gavin, die seit 20 Jahren Gartenbücher veröffentlichen, geben jetzt der Wildnis mehr Raum – doch ganz ohne Plan sollte das nicht geschehen. Vor dem Pflanzen muss eine Skizze her. Zusätzlich sollen Licht- und Bodenverhältnisse geprüft werden. Rhododendron beispielsweise gedieh ursprünglich in dichten Wäldern, er mag keine pralle Sonne. Durstige Pflanze wiederum sollten nicht zu nah an wuchtigen Bäumen mit dichtem Wurzelwerk stehen; das gilt etwa für die beliebte, aber empfindliche Lorbeerkirsche.
Nicht der Mensch, Flora und Fauna stehen nun im Mittelpunkt. Conran ermahnt seine Anhänger, Verantwortung zu übernehmen. Die heutige monotone Landwirtschaft nehme Tieren ihren Lebensraum, der moderne Gärtner könne den Verlust wenigstens teilweise ausgleichen. In Berliner Hausgärten gibt es mehr Tierarten als rund um großflächige Ackerbewirtschaftung in vielen deutschen Regionen; nicht jede Tierart hält es neben riesigen Maisfeldern aus, die allein zur Erzeugung von Biomasse fürs nächste Kleinkraftwerk angelegt werden.
Erst die Unordung macht ihn schön

Gemütlich sollte er sein, und deshalb auf keinen Fall streng wirken: der Cottage-Garten, die grüne Ausprägung des immer noch überaus beliebten Country-Stils.
Dichte abwechslungsreiche Hecken, üppiger Lavendel, Sommerflieder und Buschmalven dagegen bieten einen reich gedeckten Tisch für Insekten und Schmetterlinge sowie Nistplätze für Vögel. Conran, selbst eher ein Anhänger des Gemüse-Hochbeets und im ständigen Kampf gegen Schnecken, verlangt Wildwiesen mit Prachtscharte, Eisenkraut, Fuchsbohne und Rittersporn, dazwischen Thymian, Majoran und Zitronenmelisse, Wildkräuter wie Blutweiderich und Herzgespann. Der Star-Designer hegt das eine oder andere Brennnesseldickicht, um “Raupenfutter für ein halbes Dutzend Schmetterlingsarten” anzubieten.
In Terrassennähe dürfen Duftpflanzen stehen. Große Körbe mit goldgelbem Mädchenauge, Kapuzinerkresse und kleine Gefäße mit Küchenkräutern regen die Geruchssinne an. Früher hätte Conran so etwas nur neben einem Hippie-Bauwagen geduldet.
Wer sich dank neuer Natürlichkeit Hoffnung macht auf weniger Arbeit, liegt allerdings ganz falsch. Auch im Naturgarten wird nichts dem Zufall überlassen; der Gesamteindruck darf nicht gefährdet werden. Terence Conran: “Denken Sie an Farbe und Duft, an die unterschiedlichen Größen. Zögern Sie aber nicht, alles wieder rauszureißen, wenn das Ergebnis nicht das ist, was Sie (und die Schmetterlinge) gern mögen.” Er rät weiter: “Denken Sie wie ein Künstler, der ein Stillleben malt: Ausgewogenheit von Form, Volumen, Farbe und dazu raffinierte Details.”
Foto: DVA
“Das neue Gärtnern” von Terence Conran und Diarmuid Gavin, DVA, 272 Seiten, 49,95 EUR
Das neue Gärtnern: Design mit Pflanzen für Gärten des 21. Jahrhunderts -
Foto: s. Bildnachweis am Ende des Buchs
Gefunden: www.welt.de




a>
